Glasfaser – wirklich notwendig?

Aufgrund zum Teil nachvollziehbarer Ansichten, kann es schwierig sein, Mitbürger von der Notwendigkeit des Glasfaserausbaus zu überzeugen. In diesem Artikel möchten wir einige Aspekte aufgreifen.

Mehr als 50 Mbit/s werde ich sowieso nie brauchen!

Momentan brauchen tatsächlich nicht alle Menschen in Deutschland mehr als 50 Mbit/s.
Ein Film in mäßiger SD-Qualität benötigt 4-6 Mbit/s, ein HD-Film zwischen 6-15 Mbit/s und ein 4k-Film ca. 25 Mbit/s. Zwei HD-Filme gleichzeitig werden wohl nur die Wenigsten schauen.
Eie Nutzung des Internets hat sich in den letzten 5 Jahren ganz erheblich verändert. Niemand, auch die Film- und Musikindustrie nicht, hat vorhergesehen, dass sich der Medienkonsum fast ausschließlich auf Streamingdienste, wie Netflix und Spotify, konzentriert.
Der Siegeszug der Streamingdienste hat die Hürde zum Konsum von Medien erheblich gesenkt. Heutzutage schaut sich keiner mehr einen geliehenen oder gekauften Film auf DVD an. Filme und Musik sind zu einem monatlichen Fixpreis immer und überall, für jeden im Haushalt, verfügbar. Das Szenario, in dem mehr als eine Person einen HD-Film parallel ansieht, ist also fast schon gängige Praxis.

Im folgenden Beispiel gehen wir von einem 3 Personenhaushalt mit zwei Erwachsenen, nennen wir sie Markus und Stefanie, und einem Jugendlichen, nennen wir ihn Paul, aus.

Netflix empfiehlt für einen HD-Film mindestens 5 Mbit/s, für einen Ultra-HD Film mindestens 25 Mbit/s. Der Download einer 150 MB großen Datei, dauert mit einer Downloadgeschwindigkeit von 25 Mbit/s 25 Sekunden.
Schaut Markus einen Ultra-HD Film, stehen den restlichen Personen im Haushalt noch 25 Mbit/s zur Verfügung. Möchte Paul mit seinen Freunden ein neues Computerspiel spielen, benötigt er für das Spiel und die Kommunikation mit seinen Freunden bis zu 5 Mbit/s.
Damit bleiben 20 Mbit/s übrig. Stefanie muss unbedingt noch eine Kundenpräsentation für ihr Unternehmen fertigstellen, wofür sie auf einige Dateien im Unternehmensnetz zugreifen muss. Möchte sie zum Beispiel eine 150 MB große Projektdokumentation ansehen, wartet Stefanie 1 Minute und 2 Sekunden bis die Dokumentation bei ihr verfügbar ist. In dieser Zeit versucht ihr Computer die Präsentation mit höchstmöglicher Geschwindigkeit herunterzuladen. Da auch die Computer von Markus und Paul Daten mit höchstmöglicher Geschwindigkeit anfordern, die Kapazität jedoch schon ausgelastet ist, kommt es zu Verlusten, die Paul beim Spielen sofort spürt. Muss Stefanie weitere Dateien herunterladen, stockt sowohl der Film von Markus, als auch das Computerspiel von Paul. Besonders Videotelefonate machen so keinen Spaß mehr!
Die anfangs zur Verfügung stehende Bandbreite von 50 Mbit/s ist nun komplett ausgelastet.

Mittlerweile hat mit Google Stadia und Microsoft xCloud auch das Streaming in die Welt der Computerspiele Einzug erhalten. Spieler müssen nicht mehr hunderte von Gigabyte herunterladen, sondern streamen ihr Spiel auf den heimischen Computer. Es zeichnet sich bereits heute ab, dass diese Plattformen regen Zulauf erhalten. Ein normales Spiel braucht damit nicht mehr nur 1-3 Mbit/s, sondern zwischen 20-35 Mbit/s. Dies wäre im oben genannten Beispiel gar nicht mehr möglich.

Da wir selbst kein Gamer sind, kommen wir zu einem weiteren Beispiel. Stefanie muss die heruntergeladene Dokumentation bearbeiten und anderen Mitarbeitern im Unternehmensnetz wieder zur Verfügung stellen, also hochladen. Ein VDSL Tarif mit 50 Mbit/s Downloadgeschwindigkeit bietet jedoch nicht die gleiche Uploadgeschwindigkeit, sondern ist nur 10 Mbit/s in Senderichtung erhältlich. Stefanie stehen also 10 Mbit/s in Senderichtung zur Verfügung. Der Upload der Dokumentation dauert dennoch 2 Minuten und 5 Sekunden.
Da Stefanie oft von zu Hause arbeitet und viele Dateien bearbeiten und damit herunter- und wieder hochladen muss, entscheidet sie sich, den schnellsten VDSL Tarif zu buchen. Dieser bietet maximal eine Uploadgeschwindigkeit von 40 Mbit/s. Mehr ist mit aktuellen Vectoringverfahren technologisch nicht machbar. Da Stefanie jedoch nicht genau neben dem Verteilerkasten wohnt, kommen nur noch 37 Mbit/s an. Nun dauert der Upload zwar nur noch 34 Sekunden, ein flüssiges Arbeiten ist so aber dennoch nicht möglich.

Als Hobbyfotograf möchte Markus seine Bildersammlung und das Familienalbum in der Cloud sichern, damit er auch nach einem Datenverlust auf seine Fotos zugreifen kann. Beide Sammlungen zusammen sind 100 GB groß. Der Upload dauert mit 37 Mbit/s mindestens 6 Stunden und 27 Minuten. Da die zur Vefügung stehende Bandbreite vollständig ausreizt ist, macht sich selbst beim Surfen eine deutlich geringere Geschwindigkeit bemerkbar.

Mit Fiber-to-the-Home (FTTH) Anschlüssen steht auch Markus, Stefanie und Paul die volle Upload- und Downloadgeschwindigkeit zur Verfügung. Bucht die Familie das 100 Mbit/s Paket, erhält sie 100 Mbit/s im Download und im Upload. Egal wie weit das Haus von einem Verteilerkasten entfernt steht.

Digitalisierung der Schulen

Viel zu oft wird vergessen, dass es durchaus Träger im öffentlichen Interesse gibt, denen 100 Mbit/s schon heute in keinem Fall ausreichen. Eine Schule mit 8 Jahrgängen und 3 Klassen je Jahrgang, sollte mindestens 30 Mbit/s je Klasse zur Verfügung haben. Nur so kann ein wirklich digitaler Unterricht gelingen. Allein diese Schule benötigt also mindestens 720 Mbit/s. Das ist mit einem VDSL Anschluss schlicht nicht möglich.
Selbst für eine Grundschule mit 4 Jahrgängen wären schon 360 Mbit/s notwendig.

Auf meine Anfrage an Herrn Matthias Haas (Bürgermeister in Schwarzach), ob es weitere Anbieter gibt, die in unserer Region Glasfaseranschlüsse ausbauen möchten, erhielt ich die Antwort, dass es keine Interessenten gibt. Selbst bei der kreisweiten Ausschreibung „Schulen ans Netz“ habe der größte deutsche Anbieter nicht einmal ein Angebot abgegeben. Ohne Glasfaseranschlüsse an Schulen ist eine vernünftige digitale Bildungsstrategie nicht umsetzbar.

Wenn es wirklich gebraucht wird, kann man immer noch ausbauen!

Mit dieser Argumentation wird völlig außer acht gelassen, dass Innovationen dort entstehen, wo sie genutzt werden können. Wenn die Bandbreiten in der Masse gebraucht werden, existieren wahrscheinlich schon Unternehmen im Ausland, die dieses Bedürfnis wecken (Netflix, YouTube, Zoom). Damit entstehen innovative Unternehmen aus der Digitalbranche abermals außerhalb der Bundesrepublik Deutschland.

Hinzu kommt, dass ein Glasfasernetz keinesfalls innerhalb weniger Monate oder Jahre in Deutschland bereit steht. Wer bei Bedarf mehr Bandbreite möchte, kann diese erst erhalten, wenn die Infrastruktur verfügbar ist.

Der Glasfaserausbau ist vergleichbar mit dem, was wir seit Jahren auf deutschen Straßen und Autobahnen sehen. Investitionen in Straßen und Brücken wurden lange zurück gehalten, der Verkehr und besonders der Schwerlastverkehr stieg jedoch immer weiter an. Das Resultat sind viele Baustellen und marode Brücken, die täglich viele tausend Pendler ausbremsen. Das Gleiche zeigt sich in der digitalen Infrastruktur, nur werden die Auswirkungen wahrscheinlich noch viel gravierender sein.

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